Aktion Touring Modelle 2018

Ausgabe #10/18

Evoluzzer Blog

Von Kolbenrückholfedern und Thrombosestrümpfen

Glück auf, liebe Harleyfreunde! Ich bins – der olle Evoluzzer! Als emphatischer Hobbyphilosoph und Menschenversteher habe ich nie aufgehört, mir ausschweifende Gedanken über den Zustand und die Entwicklung dessen zu machen, was gemeinhin als Harley-Szene bezeichnet wird und die Leutz, die diese Szene bevölkern. Der ungetrübte Blick aus der Schraubstockperspektive sowie meine grenzenlose Weisheit und Toleranz lassen mich die Besonderen unter ihnen nicht ignorieren, sondern machen mich auf sie aufmerksam. In den Abendstunden brennen bei mir dann die täglichen Sozialkontakte nach und ich seniere in meiner heimeligen apokalyptischen Kathedrale über meine Interaktion mit eben genau den Vertretern der Harley-Szene, die über den Tag meine Aura berührten. 

Für den Nachbarn in der Reihenhaussiedlung sind die, die ne Harley fahren die Harleyfahrer. Für viele, die ne Harley fahren, sind sie das ebenfalls. Aber wer das glaubt, der glaubt auch an die Kolbenrückholfeder. Das ganze Thema is aus humanitärer Sicht aber derart vielschichtig, dass ich nach intensivem Studium dieser Spezies nur zu einem Schluss kommen kann. Nämlich:

Diese Menschen könnten unterschiedlicher nicht sein. Optisch aber fällt es manchmal schwer, sie zu unterscheiden, kleiden sie sich doch gern einheitlich in einem Mix aus Verwegenheit, Funktionalität und einem durch verschiedene Accessoires eingetreten Individualismus aus denselben Regalen wie die meisten Anderen. Sie versprühen oft die Verruchtheit längst vergangener Zeiten und es gibt sie in schweren, knarzenden Lederklamotten, zum Teil mit vielen bunten Aufnähern auf ärmellosen Jacken (aber die werden weniger) und es gibt sie durchgestylt mit Komplettmontur vom Bandana bis zu den Schuhen, alles mit dem gleichen Logo auf den Waschzetteln. Ich glaub, außer Thrombosestrümpfe mit Bar & Shield Logo gibt’s nix, wat et nich gibt. Der Individualismus reicht bis zu kniehohen Schnürstiefeln und Hosen mit mehr Schnallen als der Himmel Sterne hat. Da frag ich mich: „Zu welchem Zeitpunkt beschließen diese Leute ins Bett zu gehen? Oder aufs Klo?“

 

Da der Mensch an sich nur einmal die Möglichkeit des ersten Eindrucks hat und Macker wie ich an dem äußerlichen Erscheinungsbild vorbei gucken können, beginnt meine Wahrnehmung an dem Punkt, an dem die Ritter der Landstraße beginnen zu sprechen. Und genau da merkt man, wie unterschiedlich alle sind. Ist es nicht widersprüchlich, dass eben die, die Freiheit, Toleranz und Individualismus propagieren, sich meist so ähnlich sehen? Obwohl… andererseits tun das auch die, die Einigkeit und Recht und Freiheit vertreten und durchsetzen. Wie zum Beispiel neulich im Hambacher Forst. 

Vors Gesicht gebundene Skullhalstücher und totenkopfbehangene Jacken ändern nichts daran, wer sie wirklich sind. Spätestens, wenn der Helm ab und die Fluppe an is, is Kommunikation gefragt. Da trennt sich schnell die Spreu vom Weizen und man spürt deutlich, dass unter den martialisch bis grotesk anmutenden Plünnen echte Menschen stecken, die bei richtiger Ansprache durchweg offen sind. Vom Harley reitenden Studenten über den der Abendsonne seines Lebens entgegen reitende Rentner bis hin zum gesetzlosen Outlaw und richtigen Rockern. Jo, und Harley fahrende Mädchen gibts ja auch, aber die fangen bereits an zu schmelzen, bevor ich sie angesprochen habe. Da reicht schon mein kühler, verwegener Blick und sie sind hin und weg. Der kleinste gemeinsame Nenner ist der, dass sie Harley fahren und das macht die Kommunikation umso einfacher. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert finde ich immer ein Thema, über das man quasseln kann. Ein weiterer noch kleinerer Nenner wäre, dass man überhaupt Motorrad fährt.. dies wiederum birgt allerdings die Gefahr der Inakzeptanz untereinander, begründet durch den eigenen Anspruch an das Fahrerlebnis Motorrad. Darüber will ich gerne in Zukunft mal philosophieren. Dies alles gilt aber nicht für BMW – und Gold Wing Fahrer, die reiten in ihrem jeweils eigenen Universum. 

Was ich sagen will ist, es gibt überhaupt keinen Grund den finsteren Bad Boy zu mimen, obschon dies so manchem gut steht und der eine oder andere tatsächlich einer ist. Ich persönlich finds wichtig, authentisch zu sein und nich jemanden darzustellen, der man gar nicht ist. Wir sind ja keine Schauspieler. 

Also ihr Biker, Triker, Rocker, Hippies, Hipsters, Chicos y Chicas, Schafe in Wolfspelzen und letztlich normale Typen, besinnt euch auf das, was uns verbindet. Die Szene ist bunt und schrill. Durch euch. Und es sind nich die Klamotten oder das Bike, was euch cool macht. Ihr selbst seid es. 

 

In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal

Euer Evoluzzer

 

26.09.2018